Caprese aus der Hölle

Shadows of the Damned ist wie eine gute Caprese: Betrachtet man die einzelnen Zutaten, ist nichts davon besonders auffallend oder geschmacklich außergewöhnlich: Tomaten, Mozzarella, Basilikum und etwas Olivenöl – in der richtigen Komposition aber geraten diese einfachen Zutaten zu einer delikaten Vorspeise, in der sich die einzelnen Zutaten zu einer geschmacklich sehr abgerundeten Gesamtkomposition ineinanderfügen. Das neue Spiel von Goichi Suda, besser bekannt als ‘Suda 51′ (Killer 7, No More Heroes) ist, um in dem kulinarischen Bild zu bleiben, eine Caprese aus dem Vorhof der Hölle, in welcher die Tomaten mit Dämonen, das Olivenöl mit Blut und der Mozzarella mit Peniswitzen ausgetauscht wurden.

Bevor ich näher auf die Zutaten eingehe, gibt es erst mal einen Grund zu feiern: Das Grindhouse-Genre hat mit Shadows of the Damned einen neuen König! Gut, zugegebenermaßen gibt es außer dem 2009 für die Wii (hier leider indiziertem) erschienenem Railshooter House of the Dead: Overkillund vielleicht noch WET sehr wenig Auswahl als Freund der ironischen, extrem übertriebenen und blutigen B-Movie-Style-Spiele. Eigentlich verwunderlich, dass es erst die Hommage an das Grindhouse-Kino der zwei Regisseure Tarantino und Rodriguez bedarf, ehe sich die Spiele-Entwickler diesem Genre annahmen. Dennoch: Suda 51 holt sich diesen Thron völlig verdient. Während sich Sega sehr stark bei der filmischen Vorlage bediente, geht Suda 51 in Zusammenarbeit mit Shinji Mikami, bekannt durch seineResident Evil-Reihe, eigenständiger vor: Das Spiel wirft einen sehr unvermittelt und direkt in die stark tätowierte Haut von Garcia Hotspur, dem Protagonisten des Spiels, wie er seinem Tagwerk nachgeht: Dämonen jagen. Mit freiem Oberkörper, vernarbt und blutig steht er mit einem Fuß auf dem Kopf einer Höllenkreatur und schickt diese mit einem herzhaften “Fuck you” in der ersten Minute des Intros zurück in die Hölle. Kleine Anekdote am Rande: Segas oben genanntes Spiel hielt bis vor kurzem sogar den Guinness-Buch-Rekord für die meisten Flüche in einem Spiel (ich mag ja den Ausdruck ‘F-Bombs’ der Amerikaner dafür) und verlor diese fragwürdige Ehre erst an Mafia II.

“Demons are buttholes”

Aber zurück zu den Dämonen: Garcias Liebe seines Lebens, die olle Paula, wurde von Fleming, dem Anführer der Dämonen, gekidnappt. So bleibt Garcia natürlich nichts anderes übrig, als Fleming durch sein Dimensionstor zu folgen um seine Geliebte vor den angekündigten Qualen zu retten. An seiner Seite steht der treue Begleiter und Ex-Dämon Johnson (“wie die Nase des Mannes, so sein…”), ein sprechender Totenkopf mit englischem Dialekt, der sich in so praktische Dinge wie einen Revolver, eine Fackel oder auch mal ein Motorrad verwandeln kann. Selbstredend sorgt auch dieser Sidekick wie seine Kollegen Murray aus Monkey Island und Morte aus Planescape: Torment mit seinen oft zynischen und bissigen, aber dennoch aufheiternden Kommentaren für den nötigen ‘Comic Relief‘ in der sonst sehr düsteren Atmosphäre. Die Dialoge zwischen dem in stark gebrochenem, von spanischen Ausdrücken durchsetzten Englisch des mexikanischen Reibeisens Garcia und dem feinsinnigen, perfekt artikuliertem britischen Englisch des eher ängstlichen und schnell in Panik ausbrechenden Johnson sind mein absolutes Highlight des Spiels.

Die Spielmechanik bedient sich an vielen bekannten Elementen: Zielen mit Blick über die Schulter, stark angelehnt an Mikamis Resident Evil-Reihe, diesmal aber glücklicherweise mit der Möglichkeit, beim Zielen noch Laufen zu können. Dämonen können nur verwundet und erledigt werden, wenn sie sich innerhalb einer Lichtquelle befinden und Garcia verliert Lebensenergie, solange er sich in den namensgebenden Schatten aufhält. Zwischen den Feindeswellen, die meist in abgesteckten Gebieten auf ihre Abfertigung warten, bevor uns das Spiel weiter voranschreiten lässt, gibt es mit der Schattenmechanik kleinere Rätselaufgaben zu lösen (Schalter in Schattengebieten umlegen, Stromgeneratoren, die aktiviert werden müssen, etc.). Nichts davon ist in seiner Ausführung besonders herausragend: Die Endbosse haben die typischen “Schieß auf die rote Schwachstelle”-Phasen, manche Stellen sind zum Controller-an-die-Wand-werfen unfair, haben schlecht gesetzte Checkpoints und auch die Schalterrätsel sind nicht wirklich schwer. Dafür sind die Kämpfe zahl-, blut- und actionreich, angenehm fordernd und das Design der Kreaturen und Level ist atemberaubend skurril. Der Humor ist wie zu erwarten durchgängig schräg: Die Türschlösser sind Baby-Köpfe mit Heißhunger auf Erdbeeren, Hirn oder Augäpfel. Speicherpunkte sind kleine, goldene, schwebende Fäkalien, Lebensenergie wird in der Hölle durch hochprozentige Alkoholika aufgefüllt und ab und an gibt es Bücher, aus denen sich Garcia und Johnson morbide Geschichten vorlesen. Zwischendurch lockern 2D-Sidescroller-Shooter-Level in einemAlice:Madness Returns ähnlichen Papierfiguren-Theater-Look die Kämpfe auf.

“Que magnifico!”

Ich hatte mich ja insgeheim schon ein wenig auf den “ungeschliffenen Diamanten” mit klaren Kanten und Fehlern eingestellt. Doch Shadows of the Damned spielt sich deutlich runder (wenn auch wesentlich westlicher) als die meisten Grasshopper-Spiele bisher. Es hat dem Spiel spürbar gut getan, dass man sich so einen erfahrenen Designer wie Mikami dazugeholt hat und Grasshopper als Studio gewachsen ist. Das Spiel wirkt deutlich durchdachter und finaler, als das doch sehr in seine chaotischen Ideen verliebte aber auch spielerisch eher steckengebliebende No More Heroes.

Wer dem Suda-typischen, leicht infantilen Humor, seiner selbstironischen Punk-Rock-Attitüde und dem Setting des Dämonen-Rachefeldzugs nicht gänzlich abgeneigt gegenüber steht, wird einen fantastischen Ritt durch die Hölle erleben. Die Art und Weise, wie diese vielen, einzelnen Elemente extrem unterhaltsam präsentiert werden, wie sie durch die überragende Musikuntermalung von Silent Hill-Sounddesigner Akira Yamaoka in die immer abgedrehter gestalteten Höllen-Welten eingebettet werden, das ergibt die Eingangs genannte, wohlschmeckende Spiel-Caprese, die dieses Jahr direkt vom ersten Biss an zu einem meiner Lieblingsgerichte des Jahres 2011 wurde.

Dieser Artikel ist auch bei polyneux.de erschienen. Gespielt wurde eine von EA zur Verfügung gestellte Version für die Xbox 360. Danke an mexer für das Headerbild!


Kommentare zu: "Caprese aus der Hölle" (5)

  1. [...] Birthday ZwO Die Gears of War-Timeline … für die Historiker unter unsTests:Burnout CrashRageCaprese aus der Hölle – SotDPreparing to Die – Dark Souls First Impressions (englisch)BodycountDeus ExTrailer/Videos:Modern [...]

  2. Kann ich nur voll beipflichten. Spielt sich rund, hat gutes pacing und der look, sowie humor sind ganz auf meiner wellenlänge. Ebenso auch die horror element und freudsche bilderwelt.

    Demonhunting at it’s finest. Und ich bin heil froh, dass hier nicht einfach schublade auf, dämonen jäger im namen gottes, schublade zu, mit der mythologie veranstaltet wurde.

    Hatte richtig spass.

  3. [...] noch zögert und etwas Meinungsbildung vor dem Kauf betreiben möchte, findet einen erstklassigen Test des Spiels bei Manuspielt.Shadows of the DamnedPreis:12,49 €Versand:freiSpielsprache: Gesamt: 12,49 [...]

  4. pixelpinata schrieb:

    Hab gerade erst gesehen, dass ich dir noch eine Antwort schuldig bin warum ich das Spiel nicht mochte. Lieber hier als auf Twitter.

    Ich fand den gesamten Style, die Musik, die Charaktere, die Synchro usw. einfach fantastisch, aber das eigentliche Spiel darunter eher grottig. Die Steuerung ist, wie so oft bei japanischen Shootern, gewöhnungsbedürftig und mit dem schwammigen, ungenauen Aiming (wie bei Resi 5) bin ich auch nach Stunden nicht klargekommen. Wirkt alles wieder einmal hölzern und altbacken. Dazu kommt, dass das gesamte Gameplay nur aus Hektik, Zeitlimits und Frust besteht. Ständig ringt man in der Dunkelheit gegen den Tod, rennt vor unbesiegbaren Gegnern weg, jagt eine Kugel nach der anderen in viel zu starke Dämonen und wird von respawnenden Viechern belästigt. Nur Stress.
    In jeder Cutscene zelebriert sich Garcia Fucking Hotspur als Bad Ass Demon Hunter, das Spiel gibt einem aber nie das Gefühl so bad ass zu sein.
    Neben Duke Nukem Forever dürfte das meine größte Enttäuschung 2011 gewesen sein.

    Dafür genieße ich aber (noch) deine Hassliebe Alice Madness Returns. Bin erst in der Mitte von Chapter 2, aber momentan extrem begeistert. Hoffentlich bleibt das so.

  5. [...] Yamaoka in die immer abgedrehter gestalteten Höllen-Welten eingebettet werden, das ergibt die im Artikel genannte, wohlschmeckende Spiel-Caprese, die dieses Jahr direkt vom ersten Biss an zu einem meiner [...]

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