Halo: Hassliebe

halo_header Es ist kein Geheimnis, dass ich in der Vergangenheit kein großer Freund des Halo-Universums war. Das mag einerseits historisch bedingt sein, da ich, wie sich das gehört, mit PC-Shootern in das Genre gewachsen bin und außerdem keine Xbox der ersten Generation besaß. Die viel zu spät erschienene Halo 2 PC-Version war dann auch zu ihrer Zeit alles andere als überzeugend. Nebenbei bemerkt wollte man damit Vista als Spieleplattform etablieren. Oh, welch Ironie, dass nicht mal die Verkaufs-Weltrekord-Serie Halo das schaffen konnte. Die Veröffentlichung von Halo 3 ließ mich aus diesen Gründen demnach auch völlig kalt und ging hypebedingt links an mir vorbei. Das Problem an zu großen Hypes um Spiele besteht meiner Meinung nach in deren großer Gefahr der Rückkopplung für Menschen außerhalb der Hype-Blase. Ich ertappe mich zum Beispiel dabei, dass ich als „Nicht-Fan“ diesen Spielen gegenüber starke Vorurteile habe, um dem Hype etwas entgegen setzen zu können. Schließlich steht für Insider sowieso schon lange vor der Veröffentlichung fest, dass es sich um das beste Spiel der Welt handeln muss. Erfahrungsgemäß bekommt man selbst dann noch Vorwürfe zu hören, ein Hater zu sein, wenn man auch nur leise Kritik am heiligen Götzen äußert.

Kaum ein Spiel polarisiert so stark wie Halo, sachliche Diskussionen mit Halo-Fans (aber auch -Gegnern) sind so gut wie unmöglich. Warum es Halo geschafft hat, dieses Überhype-Phänomen zu werden, werde ich wohl nie ganz verstehen, aber eines kann man nicht abstreiten: die Serie hat Shooter auf Konsolen erstmals wirklich gut steuerbar gemacht und maßgeblich zum Erfolg des Microsoftschen Online-Dienstes Xbox Live durch den Multiplayermodus beigetragen.

Kartoffelecken im All

Auch wenn ich stets dem Setting der bunten Bonbon-Aliens mit Quietsche-Lauten, kitschig leuchtenden Alien-Waffen und dem vor Vaterland-Pathos nur so tropfenden Militärgehabe wenig bis gar nichts abgewinnen konnte, eine Sache im Speziellen ließ mich dann doch immer wieder zu Halo zurück kehren wie guter Sex zur ungeliebten Ex-Freundin: Der Co-Op-Modus. Dieser hat mich sogar durch die Halo 3: ODST Hauptkampagne gebracht, und da mussten sogar eingefleischte Halo-Fans leiden, so murksig und zäh wie diese war. Spiele mit Co-Op und in dem Falle sogar mit 4-Spieler-Co-Op, landen so oder so auf meiner Liste von Pflichtspielen. Sich mit drei guten Freunden durch Horden von Gegnerwellen zu schlagen tröstet viel, sehr viel über eine schlecht erzählte, mit Militärklischees und Stereotypen überladene Geschichte hinweg, wie sie leider auch Halo: Reach bietet. Im Singleplayer ist dieser zwanghafte Drang nach „more epicness“ in den Zwischensequenzen gar nicht schnell genug skipbar und die nach wie vor miese deutsche Synchronisation (keine Originalspur auf der dt. Disc) trägt traditionsbewusst einen Großteil dazu bei. Nicht, dass ich von einem Shooter eine tiefgründige Story erwarten würde, von Halo schon gleich zweimal nicht, aber Halo: Reach tut eben so, als sei es ihm diesmal wirklich ernst damit, zum Abschluss nochmal die volle Ladung Emotionen und Tiefe reinzupacken. Sich für die Mission opfernde Soldaten, noch nie dagewesen, Tränendrüsen-Trigger aus der ersten Dramatik-Lehrstunde. Nur funktioniert das leider nicht, wenn einem die Protagonisten egal sind, weil man keine Beziehung zu ihnen aufbaut. Und nein, Bungie, da langt es auch nicht, wenn die Spartans in den Cutscenes mal ihren Helm absetzen und knarzige Oneliner loslassen. Sorry, aber das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Für diesen wuchtigen Pathos war und ist Halo nie dreckig genug gewesen, meiner Meinung nach. Es gibt Spiele, bei denen ich das deutlich besser akzeptieren kann, aber dafür ist mir die Halo-Welt zu bunt und synthetisch, zu clean und zu brav. Ernste Frage: Wenn man als Designer die kleinen Grunts schon wie eine Mischung aus Kartoffelecken (Dank an @Yuuly für diese passende Bezeichnung) und Schlümpfen auf die Spieler hetzt, warum dann so komplett ironiebefreit? Ein Humor wie in Borderlands hätte meiner Meinung nach Halo von Anfang an gut gestanden. Aber die US-Frat-Boys stehen wohl nicht so auf Ironie und Augenzwinkern.

No Skript

Trotz dieser negativen Aspekte ist sich Bungie in den restlichen, spielentscheidenden Punkten nicht nur treu geblieben, sondern sie haben überall noch eine Schippe drauf gelegt. Die KI der Allianz-Gegner ist in den hohen Schwierigkeitsgraden Heroisch und Legendär (und nur in denen sollte man Halo schließlich spielen) wirklich erstklassig und reagiert im Gegensatz zur aktuellen Shooter-Konkurrenz auf den Verlauf des Kampfes, anstatt auf bestimmte, geskriptete Ereignisse zu warten. Zwar mag ich solche geskripteten Momente in Spielen, da sie es mit einfachen Mitteln schaffen, mich stark ins Geschehen zu ziehen. Die Kunst, die Halo allerdings perfektioniert hat, ist, dies auch zu schaffen, obwohl jeder Kampf auf dem Schlachtfeld anders verläuft. Beispiel: Wir sollen mit Hilfe eines Warthogs einen Raketenstützpunkt einnehmen. Mein (namentlich nicht genannter) Mitspieler versemmelt jedoch die Fahrt dorthin, schanzt ungünstig über einen Stein und lässt unser Gefährt vor der Haustüre der Allianz kopfüber als Geschenk liegen. Wir schaffen es zwar gerade noch so, zu Fuß hinter einen Felsvorsprung zu flüchten, doch in dem Moment fliegen uns auch schon die Raketen um die Ohren. Eine Elite-Einheit der Gegner hat nämlich daraufhin unseren Warthog dankend angenommen und nutzt nun dessen Geschützturm, um uns in Schach zu halten. Solche Momente erlebt man bei Halo ständig. Chapeau! In einem Printmagazin würde ich jetzt wohl sagen: “Die dynamischen Schlachten erhöhen den Wiederspielwert enorm.”

Halo: Greatest Hits

Die aus 10 Kapiteln bestehende Kampagne ist durchaus abwechslungsreich, man wird das Gefühl aber nicht los, eine Art “Greatest Hits”-Playliste abzuarbeiten. So ziemlich alles, was je in einem Halo-Spiel von den Fans geliebt wurde und gut funktioniert hat, hat einen eigenen Level spendiert bekommen. Einzig die Weltraumschlacht à la Wing Commander ist neu, wobei ich hier jedoch wiederum das Gefühl nicht los werde, dass eine Engine für ein neues Spin-Off der Serie ausprobiert werden soll. Je nach Resonanz, welche nach meiner Beobachtung bisher durchweg positiv war, soll damit wohl die Entscheidung für die Weiterentwicklung dieses Experiments fallen. Damit dürfte auch klar sein, was mit Halo nach Bungies Abschlussarbeit namens Reach als nächstes passieren wird. Falls sich meine Theorie bewahrheitet, freue ich mich zumindest jetzt schon sehr darauf. Ich nehme alternativ auch gerne einen DLC mit mehr Weltraum-Dogfights und vielleicht noch ein paar Multiplayer-Modi dazu, das hat sich richtig gut angefühlt.

Ein Freund, ein guter Freund…

Da wir gerade von Multiplayer sprechen, da kommen wir natürlich zum Herzstück eines jeden Halo-Spieles. Wenn man bedenkt, dass bis vor ein paar Wochen Menschen Halo 2 online gegen- und miteinander gespielt haben (und dies wohl auch noch immer tun würden, wenn MS ihnen nicht den Saft abgedreht hätte), dann ist es auf Grund des schieren Umfangs der Multiplayer-Modi von Reach kein Hexenwerk, wenn man sich traut, diesem ebenfalls einen langjährigen, sicheren Platz in den Top 10 der auf Xbox Live gespielten Spiele vorauszusagen. Ob zu viert gegen die KI im aus ODST bekannten “Firefight”-Modus, sechs gegen sechs im Team-Deathmatch, ob Punkte einnehmen und verteidigen in “Invasion”, Schädel sammeln in “Headhunter” oder einfach “alle gegen alle”: Alle Modi machen mit den richtigen Mitspielern mächtig Laune, die Maps sind in aller Regel gut aufgebaut und ausbalanciert, das Matchmaking ebenfalls tadellos und ohne größere Wartezeiten dank der Menge an Spielern auf Xbox Live. Neuerungen dabei: Man erhält nun Credits/Geldeinheiten für wirklich jeden Pups, den man in dem Spiel offline wie online macht, und kann sich dafür seinen Charakter komplett individualisieren. Neuer Helm, neue Schuhe, so ziemlich alles ist editierbar und zukaufbar. Ganz die Sims-Nummer eben. Spielerisch macht das allerdings keinen Unterschied, alle Anpassungen an Rüstung und Co. sind rein kosmetischer Natur. Meine Motivation Credits zu verdienen, war komplett dahin, als ich das realisierte. Wer Spaß daran hat, kann jedoch viel Zeit mit Customizing verbringen. Ebenfalls ein Zeitfresser par Excellence: Der Map-Editor, quasi das Abschlussgeschenk für die Fans von Bungie. Für Nachschub an Karten dürfte also für die nächsten Jahre dank einiger Tüftler und Bastler gesorgt sein.

Für Halo-Freunde also ein absoluter No-Brainer? Nun, sieht ganz danach aus, denn Bungie hat die Wunschliste ihrer Fans gewissenhaft abgearbeitet und ohne Abstriche und Experimente auf voller Breitseite bedient. Aber auch für Halo-Skeptiker und Hype-Misstrauern wie ich es war/bin, sollte Halo: Reach genau der Teil sein, den man sich zumindest mal anschauen sollte, wenn man bisher eher einen Bogen um Halo gemacht hat. Eine mit vier Personen spielbare Co-Op Kampagne, die sehr gut agierende KI, die immer anders ablaufenden Schlachten, einen wirklich umfangreichen und über die Jahre hinweg sehr ausgereiften Multiplayer-Modus mit unzähligen Varianten, sowie eine deutlich weniger bunte Darstellung der Aliens ohne dabei in die typische “Grau in Grau”-Monotonie der WWII-Shooter zu verfallen, wiegen deutlich auf der Haben-Seite. Nicht gut gelungen in meinen Augen sind die deutsche Synchronisation, die Art der plumpen Charakterisierung und der Versuch, die Geschichte um den Kampf um Reach emotional aufzuladen. Reach ist in meinen Augen endlich das komplette Action-Paket geworden, das die Serie vom ersten Spiel an sein wollte. Für Spieler mit Xbox-Live-Gold-Account für den Multiplayer absolut eine Empfehlung wert. Es ist zwar kein wirklich gutes Singleplayer-Erlebnis, aber ein sehr gutes im Team. Eines ist es jedoch ohne Zweifel: Das bisher umfangreichste, optisch ansprechendste und auch spielerisch beste Halo der Serie.

Gespielt wurde ein von Microsoft freundlicherweise zur Verfügung gestelltes Test-Exemplar von Halo:Reach auf der Xbox 360. Die Kampagne habe ich teils im Singleplayer und teils kooperativ im 4-Spieler-Modus gespielt. Ungefähr 4-5 Abende habe ich im Online-Multiplayer in den unterschiedlichsten Spieleranzahl-Konstellationen und -modi verbracht. Die Forge habe ich nicht ausprobiert.

Hinweis: Dieser Artikel wurde für www.polyneux.de geschrieben und dort veröffentlicht.

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Kommentare zu: "Halo: Hassliebe" (8)

  1. Die Synchro fand ich auch eine Frechheit, was mir aber positiv aufgefallen ist, ist die Tatsache, dass man die Aliens nun nicht mehr versteht, denn in der deutschen Fassung (ich hab nur die Xbox 1 Versionen auf deutsch, Halo 3 und ODST waren englisch und jetzt wieder deutsch) haben so unglaublich viel an Bedrohung genommen, sondern die Sache eher lächerlich erscheinen lassen. Gott sei dank hat man das nun geändert. Aber ansonsten war ich eigentlich sehr von diesem Abschlussteil angetan.

    • Ja, das stimmt. Die Aliens zu verstehen war grausam. Allerdings kann ich die Kartoffelecken sowieso nicht ernst nehmen, egal wie die reden…

      • Thomas schrieb:

        Wie wahr. Beim ersten Spielen von Halo (1) dachte ich ja noch, das wäre alles spaßig gemeint.

  2. Wird es von Halo eigentlich sowas wie ne Complete Edition geben? Ich muss zugeben, Halo damals nur auf dem PC gespielt zu haben, und auch nicht sehr lange (an die Gründe kann ich mich nicht erinnern). Ich würd’s gern mal von vorne spielen =)

    • Ganz ehrlich? Mit Reach hast du eigentlich das Komplettpaket, was die Serie ausmacht. Alles davor ist eben mehr vom gleichen, nur weniger ausgereift… Für die Story lohnt sich das nicht, nachzuholen.

    • Thomas schrieb:

      Sinn würde es machen… Auf der PS3 werden doch nun immer mehr Remakes von PS2-Spielen veröffentlicht, da würde es sich auch anbieten, Halo 1 und 2 mal „richtig“ auf die Xbox 360 zu bringen. Allerdings war ja speziell bei Halo 2 der Multiplayer-Modus der „Zieher“, der ja nun abgeschaltet wurde. Und vielleicht realisiert Bungie selbst, dass Halo 1 und 2 im Singleplayer heutzutage nichts mehr reißen würden.

      • wobei es wirklich ein leichtes sein müsste, die Singleplayer-Kampagne von Halo 1, 2 und 3 als DLC in Halo:Reach zu integrieren. Viel geändert hat sich nicht. Die Waffen, Fahrzeuge und Aliens sind ja alle schon da, müsste man eigentlich nur die Level nachbauen…

  3. Hey Manu, sehr guter Artikel! Trifft genau meine Einschätzung von Halo.

    Haha, da haben es die Kartoffelecken tatsächlich in den Artikel geschafft ;-)

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