used Wer sich heute ein Spiel für Konsolen kauft wird beim Auspacken mit immer höherer Wahrscheinlichkeit ein Kärtchen mit einem einlösbaren Einmal-Code finden. Mass Effect 2, Alan Wake – meistens handelt es sich um exklusive Zusatz-Inhalte in Form von kostenlosem, downloadbarem Content. Gerne erhält man solche Codes auch für das Vorbestellen vor Release oder durch den Kauf einer Special-Edition. Der Grund für diese Goodies: Da der Code nur einmal eingelöst werden kann, wird dieses Spiel für den Gebrauchtmarkt deutlich unattraktiver. Zwar lassen sich die meisten Inhalte dieser “Rubbelcode”-Karten wie die 1. Zusatzepisode für Alan Wake oder das Zerberus-Netzwerk von Mass Effect 2 über die Onlineplattformen auch käuflich erwerben, jedoch steigen die Investitionskosten im Prinzip dadurch wieder auf den Vollpreis an, wenn man auf diese Inhalte nicht verzichten möchte. THQ geht nun mit dem Release ihres Wrestling-Titels “Smackdown vs. Raw 2011” noch einen Schritt weiter und lässt die Käufer den Online-Multiplayer-Part des Spieles erst durch die Eingabe eines Codes aktivieren. Für die Käufer des Spieles ein kleiner Aufwand, für die Käufer des Spieles auf dem Gebrauchtmarkt ein großes Ärgernis, da diese nur einen Teil des Gesamtpakets erhalten. Doch damit nicht genug, THQ Kreativdirektor Cory Ledesma holt daraufhin auch noch zum verbalen Schlag aus und bezeichnet Gebrauchtspiele-Käufer als Betrüger am Publisher.

Zitat Ledesma:
(Quelle: http://www.computerandvideogames.com/article.php?id=261330)

„I don’t think we really care whether used game buyers are upset because new game buyers get everything. So if used game buyers are upset they don’t get the online feature set I don’t really have much sympathy for them. That’s a little blunt but we hope it doesn’t disappoint people. We hope people understand that when the game’s bought used we get cheated.“

Auf deutsch: „Ich glaube nicht, dass es uns wirklich interessiert, ob sich Gebrauchtspiele-Käufer darüber ärgern, dass Neukäufer alles bekommen. Wenn sich Gebrauchtspiele-Käufer also darüber ärgern, dass sie das Online-Feature nicht bekommen, habe ich nicht viel Sympathie für sie. Es mag ein wenig unverblümt sein, aber wir hoffen, die Leute nicht zu enttäuschen. Wir hoffen, dass die Leute verstehen, dass wir betrogen werden, wenn die Spiele gebraucht gekauft werden.“

Dass da die Emotionen erst einmal hochkochen, versteht sich von selbst. Da kauft man als ehrlicher Mensch ein Original-Spiel anstatt es einfach zu kopieren und muss sich dann dennoch als Unmensch und Betrüger bezeichnen lassen? Die Formulierung hätte wohl in der Tat etwas taktvoller gewählt sein können, aber versetzen wir uns mal in die Lage eines Publishers. Kann man einer Firma, die Produkte verkaufen will und muss, es denn tatsächlich vorwerfen, wenn sie genau dieses Ziel verfolgt? Machen wir uns nichts vor, kein Produzent von Spielen investiert uns zu Liebe ein paar Millionen Dollar in ein Projekt, damit wir ein paar Stunden Spaß daran haben, sondern um Geld damit zu verdienen. Hollywood verdient an jedem verkauften Kinoticket, an jeder verkaufen DVD auf Amazon und selbst an der Zweitverwertung in TV und Videotheken. Und die Spieleindustrie soll tatenlos zusehen, wie ihr Produkt ohne Qualitätsverlust auf dem Gebrauchtmarkt Millionen macht, ohne daran teilzuhaben?>

Als Kunde muss man sich deswegen natürlich diesen obigen Vergleich nicht gefallen lassen, aber “Kunden” sind damit ja auch nicht gemeint. Denn ein Käufer eines Gebrauchtspieles ist kein Kunde des Publishers, er ist ein Kunde des Ladens, der mit Gebrauchtspielen Gewinn an den Margen macht. Der Spiele unter Preis gebraucht einkauft und überteuert an unbedarfte Kunden wieder verkauft. Die Produzenten sehen nichts von diesem Geld, keinen Cent. Daher sollte man sich als Spieler in der Tat fragen, ob man mit dem Kauf eines Spieles einen bestimmten Entwickler unterstützen möchte oder ein paar Euro spart und mit dem Kauf der gebrauchten Version Geld in die Kassen eines Wiederverkäufers spült. (Kleiner Tipp unter Profis: Im Ausland findet man oft Preise für Neuspiele, die sogar oft noch günstiger sind als die Inlandpreise für gebrauchte Spiele) Aus den Augen des Entwicklers hätte diese Käuferschicht auch gleich eine Raubkopie ziehen können. Bei der Frage, ob es zu dem Spiel einen Nachfolger geben wird und die Verkaufszahlen verglichen werden macht dieser Zweit-Käufer der gebrauchten Version genauso wenig Unterschied wie die Raubkopierer.

Ich habe aus kaufmännischer Sicht volles Verständnis für die aktuelle Wut und kreative Ideensuche aus der Misere. Doch eines vergessen die Publisher gerne. Nicht jeder Kauf eines Gebrauchtspieles entspricht automatisch einem verpassten Neukauf. Viele Spiele sind einem durch schlechte Kritiken oder ähnliches einfach nicht den Vollpreis wert. Erst ab einer gewissen Budgetgrenze wird der Titel dann wieder interessant. Gäbe es keinen Gebraucht- und Schnäppchenmarkt, manche Titel wären nie in meinem Laufwerk gelandet um dem Spiel überhaupt eine Chance zu geben. Und wer weiß, vielleicht werde ich durch diesen Versuch gar Fan der Serie oder des Genres und bestelle mir das nächste Spiel des Publishers sogar direkt vor? Ein weiterer Aspekt: Ein gekauftes Gebrauchtspiel in einem GameStop hat auch immer einen, der das Spiel in Zahlung gegeben hat und dieses Geld meist direkt wieder in ein neues Spiel steckt. Die Zahl dürfte einen nicht unerheblichen Anteil an der Gesamtinvestition in Neuspiele bedeuten.

Die Debatte hat also deutlich mehr Ebenen als nur “böse, geldgeile Publisher” und “Kundenverarsche”. Es erfordert von beiden Seiten aktives Mitdenken und etwas Verständnis. Wir Käufer entscheiden immer noch mit unserem Geldbeutel darüber, welche Spiele erfolgreich sind, welche Serien Fortsetzungen erhalten und welche Projekte eingestellt werden. Am Gebrauchtmarkt sparen wir zwar Geld, verlieren diese Stimme aber. Das ist weder verwerflich noch wird man dadurch zum Betrüger, man sollte sich aber jedoch darüber im Klaren sein, bevor man sich beschwert. Dass die Publisher mit Einmalcodes versuchen, das Produkt für Neukäufer interessanter zu machen, ist ebenfalls völlig legitim und bildet eigentlich nur das ab, was auch andere Produkte auf dem Gebrauchtmarkt sind: Produkte von minderer Qualität.

Diese Diskussion wird noch eine Weile andauern aber bereits jetzt ist ersichtlich, wohin sie führen wird: In einen kompletten, digitalen Vertriebsweg. Steam, XBLA, PSN und auch der iTunes Store machen es erfolgreich vor. Hier wird die Kaufentscheidung jedoch noch wichtiger. Die Publisher werden selbstredend versuchen, den gebräuchlichen Marktpreis für ein Spiel aus den Ladengeschäften auch über Direkt-Downloads zu erzielen, fallen für sie doch hier alle Abgaben an Zwischenhändler, Produktions- und Materialkosten weg. Hier müssen wir Käufer laut werden und genau aufpassen, dass sich die Preise dann auch entsprechend den Gegebenheiten anpassen. Wenn es dann soweit ist, sind wir dem Idealzustand für beide Seiten ein Stück näher: Spiele direkt beim Hersteller zu kaufen wird dann hoffentlich so günstig, dass keiner mehr raubkopieren oder gebraucht kaufen muss und noch genug Gewinn abfällt, um die Entwicklung weiterer Spiele zu ermöglichen. Zwar bringt der reine Digitalvertrieb auch Probleme mit sich, aber das ist ein Thema für einen anderen Post an einem anderen Tag. Um es mit einem sehr treffenden „Penny Arcade“-Comic aus dem Jahre 2007 zu sagen:
http://www.penny-arcade.com/images/2007/20070330.jpg

Bis dahin erkennen die Publisher vielleicht, dass es machbar ist, Spiele so zu designen, dass man diese schlicht und ergreifend gar nicht verkaufen möchte. Ein Spiel, auf das keiner warten möchte, was man dank eines hohen Wiederspielwertes, einer packenden Online-Community oder aus reinem Sammeltrieb für immer behalten möchte.

Foto Quelle: http://www.flickr.com/photos/8171213@N03/2423108353/

Hinweis: Dieser Artikel wurde auch auf www.polyneux.de veröffentlicht – Kommentare sind hier deaktiviert, daher bitte dort zu Wort melden, da ist die Diskussion auch bereits in vollem Gange.


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Kommentare zu: "Gebrauchtmarkt killed the Videogame-Star" (1)

  1. […] This post was mentioned on Twitter by Marcel G. (マルセル), Manu. Manu said: Laut Publisher sind wir pöse Purschen, wenn wir gebrauchte Spiele kaufen. Meine Gedanken dazu im Blog: http://wp.me/pLv74-aG […]

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