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Castlevania: Die Serie um Vampirjäger, verwinkelte Schlösser und dunkle Magie hat bereits seit fast 25 Jahren und spätestens seit dem ’97er „Symphony of the Night“ ihren festen Stellenwert in der Spielegeschichte und den Herzen vieler Spieler eingenommen. Mit “Castlevania: Harmony of Despair” kommt im Rahmen der von Microsoft marketingtechnisch stark gepushten “Summer of Arcade”-Aktion ein (vorerst) Xbox360-exklusiver Castlevania-Titel via Download auf die Konsolen. Dieses Castlevania mit dem (natürlich absichtlich gewählten) Kürzel “HD” ist zwar komplett anders als seine Vorgänger, fühlt sich aber dennoch von der ersten Sekunde wohl vertraut an. Der Clou: Diesmal ist man nicht alleine auf Monsterjagd sondern durchstreift die sechs separaten Level mit fünf Online-Freunden kooperativ (leider ohne lokalen Multiplayer).

Dieses Castlevania hat weder Story noch einen richtigen Hauptcharakter, sondern lässt uns die Wahl aus zu Beginn fünf frei wählbaren, alten Bekannten: Soma Cruz aus den Nintendo DS-Teilen “Aria-” und “Dawn of Sorrow”, Jonathan und Charlotte aus “Portrait of Ruin” (ebenfalls DS), Shanoa aus dem letzten DS-Castlevania namens “Order of Ecclesia” und als Special-Fan-Service selbstredend natürlich auch Alucard aus dem legendären “Symphony of the Night”. Doch nicht nur die Helden feiern ein Klassentreffen, auch die Elite der Levelbosse aus den unterschiedlichen Episoden erlebt ein Comeback. Neue Inhalte darf man keine erwarten.
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Nach der Wahl des Charakters geht es auf die Jagd nach dem jeweiligen Boss des gewählten Kapitels. Alle Charaktere haben unterschiedliche Fähigkeiten und spielen sich deutlich anders. So können manche Charaktere bessere Waffen finden und ausrüsten, während andere von erlegten Feinden die Eigenschaften erlernen oder absorbieren können. Löblich: alle Charaktere greifen auf das gleiche Inventar zu, man muss angelegte Rüstungsgegenstände also nicht erst umständlich ablegen, um sie einem anderen Charakter anzulegen.

Was nach dem Start in den ersten Level sofort ins Auge sticht: Es tickt ein unbarmherziges Zeitlimit von 30 Minuten herunter, welches auch nicht pausiert, wenn wir an den dafür vorgesehenen Bücherständern und Shops unsere Ausrüstung verändern. Erschwerend wird uns für jeden Bildschirmtod eines Mitspielers zusätzliche Zeit vom Konto abgezogen. Im Gegensatz zum klassischen Castlevania-Prinzip, bei dem die Erkundung und die Wegfindung ein zentrales Spielelement darstellt, müssen wir den Weg zum Boss hier nicht erst aufdecken, die Übersichtskarte zeigt von Beginn an bereits alle Räume. Das Besondere hierbei: Die Übersichtskarte ist gleichzeitig die höchste von drei Zoomstufen, sprich, wir können auch in dieser Ansicht weiter laufen, kämpfen oder sehen, wo sich unsere Mitspieler momentan aufhalten. Völlig herausgezoomt nehmen die Level eine beeindruckende Fläche von geschätzten 40 Nintendo DS-Bildschirmen ein. Das dies alles flüssig läuft, liegt natürlich auch an der genügsamen Pixel-Grafik. Castlevania HD nutzt zu einem Großteil die recycelten Sprites und Pixelanimationen der DS-Vorgänger.

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Castlevania HD ist Teamwork pur, geöffnete Schatztruhen werden fair an alle Mitspieler per Losentscheid zugeteilt, selbst wenn diese sich am anderen Ende der Karte befinden. So muss sich niemand streiten und alle können sich auf das gemeinsame Ziel konzentrieren, möglichst schnell zum Boss zu kommen und dabei so viel wie möglich an Bonus-Items aufzusammeln. Zwar kann man Castlevania HD auch alleine spielen, viele Bonus-Schatztruhen sind aber nur durch gemeinsames Vorgehen erreichbar und auch das Zeitlimit lastet beim Sologang deutlich schwerer auf den Schultern. Wem dass alles zu friedlich und freundlich ist, kann aber auch den Versus-Modus starten, bei dem jeder für sich selber verantwortlich ist.

Die Musik ist Castlevania-typisch wieder großartig und versetzt Veteranen sofort in einen Nostalgie-Modus, so dass diese sich vom ersten Klang an heimisch fühlen werden. Das ist aber auch wichtig, wenn das Spiel gibt sich passend dazu auch nostalgisch schwer. Erklärt wird nicht viel und ein fundiertes Castlevania-Grundwissen wird vom Spiel vorausgesetzt. Shanoa kann magische Sprüche absorbieren durch einen Tastendruck nach oben während Charlotte dazu die Sprüche mit ihrem Schutzschild blocken muss um sie zu erlernen? Die Waffenskills von Jonathan werden durch Gebrauch besser und besser? Alucard muss seltene Spruchrollen finden, die zufällig von speziellen Feinden droppen? Dieses Fachwissen muss man durch die Erfahrung der DS-Ableger mitbringen, die HD Version sagt einem dies nicht explizit. Zum Glück spielt man das Spiel selten alleine, so dass man die Mitspieler danach befragen kann. Hier wäre ein ausführliches Tutorial für die Feinheiten der Spielmechaniken aber dringend nötig und wichtig gewesen.
Eine gewisse Frust-Toleranz sollte man ebenfalls aufweisen, es gibt nämlich keine Speicherpunkte innerhalb der Level. Im Mehrspielermodus können die Mitspieler sich gegenseitig zwar einmal pro Runde mit gefundenen Tränken wiederbeleben, im Singleplayer muss man jedoch unfairerweise komplett von vorne anfangen.

Castlevania HD ist ein Experiment, dass an vielen Stellen funktioniert und in geselliger Runde sehr viel Spaß machen kann, an vielen Stellen aber auch leider für ein Spiel aus 2010 enttäuscht. Die gesamte Menüführung ist höflich formuliert Bockmist. Warum kann man nicht jederzeit seine Rüstung und Waffen anpassen sondern nur an fixen, dafür vorgesehenen Punkten? Warum dienen diese dann nicht wenigstens zeitgleich als Autosave-Stationen, um nicht jedes mal komplett von vorne anfangen zu müssen? Warum darf man nur ein Item wie Heiltrank oder Manaregeneration equippen, findet aber Tonnen davon? Das sind Relikte aus der Steinzeit der Spielgeschichte und sind so unnötig wie sie nerven. Noch dazu muss man sich mit einer sehr umständlichen und völlig unflexiblen Herangehensweise an die Teamzusammenstellung herum ärgern. Warum kann man keinem laufenden Spiel beitreten? Die Stärke der Gegner passt sich der Anzahl der Mitspieler sowieso an, es wäre sicherlich ein leichtes, diese Zahlenwerte auch im laufenden Spiel zu erhöhen? Warum braucht es das frustrierende Zeitlimit? Die Bosse sind schwer genug, wie sie sind, das Zeitlimit bringt einen unnötigen Stresslevel mit in das Spiel, der die sowieso schon eher schwierigere Singleplayer-Komponente dadurch nahezu unbrauchbar macht.

Dennoch, trotz der negativen Aspekte: Wenn man Freude am Grinden nach immer besseren Waffen und Sprüchen hat, am Sammeln und Vervollständigen der Charakterskills, sich an der geringen Level-Auswahl nicht stört, bereits einige Castlevania-Spiele gespielt hat und noch dazu Gleichgesinnte auf seiner Freundesliste hat, für den ist Castlevania HD auf jeden Fall einen Blick wert. Als Neuling der Serie sollte man lieber zum ebenfalls auf XBLA erhältlichen All-Time-Classic “Symphony of the Night” greifen. Und jetzt entschuldigt mich, ich muss noch etwas grinden gehen, mir fehlen noch ein paar Seelen für Soma.

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Dieser Artikel ist auch auf www.polyneux.de erschienen.

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