Liebesbrief an Miyamoto

Das muss wahre Liebe sein. Besonders hell ist die gute Prinzessin Peach ja nun nicht, das muss man an dieser Stelle mal ganz offen ansprechen. Entführt! Mal wieder. Und natürlich machen wir uns als Mario erneut auf den Weg, die Herrscherin des Pilz-Königreiches sicher zurückzubringen. Ein Klempner muss schließlich tun, was ein Klempner tun muss. Auch wenn es ein 2D Spiel auf der Wii ist. Kann ein klassisches Jump’n’Run wie vor 20 Jahren heute noch begeistern?

Es gab beim Spielen des neuen Marios einen Moment, an dem ich kurz innehielt und dachte: „Warum zur Hölle war das nicht eigentlich nicht schon immer so?“ – In dem Moment wusste ich, dass ich ein Meisterwerk spiele. Es gibt wohl nicht viele Spieledesigner, denen so ein Kunststück gelingen würde, ein über 20 Jahre altes Spielprinzip mit nur einer kleinen Änderung zu versehen um ein komplett neues, besseres und noch nie dagewesenes Spielerlebnis zu schaffen. Peter Molyneux möchte so ein Mensch sein. Shigeru Miyamoto dagegen ist bereits so einer. Der geistige Vater von Mario hatte die simple Vision, dass Mario mit vier Spielern gleichzeitig doch eigentlich ein vielfaches an Spaß bringen müsste. Oh, und wie Recht er behalten sollte. Eine so einfache Idee, mit so großer Wirkung. Man fragt sich wirklich, warum noch keiner früher auf die Idee gekommen ist, so gut ist sie.

Es lässt sich mit Worten fast gar nicht beschreiben, aber ich glaube, ich hatte noch nie in meiner Spielerkarriere SO einen Spaß mit Freunden vor der Konsole wie mit diesem Spiel. Die Betonung liegt auf „mit Freunden“, wohlgemerkt. Klar können wir Mario auch alleine durch die Welten steuern, dann ist das Spiel ein perfekter Plattformer mit einer dicken Portion Retro-Charme, dem die Liebe zum Detail geradezu aus jedem Pixel tropft. Macht auch Spaß, aber so richtig entfalten kann sich das Spiel erst, nachdem wir unsere Mitspieler aus Versehen (oder war es Absicht?) auf den Kopf springen und dieser daraufhin fluchend in der Lava landet. Oder er frisst uns den dringend benötigten Pilz schon zum zweiten Mal, natürlich völlig unabsichtlich, vor der Nase weg. Wenn wir dann aber doch nach zig Versuchen gemeinsam das Levelende erreichen, war ein Triumph über einen Level-Endgegner selten süßer und wir fühlen uns als Einheit und Team. Es ist immens befriedigend, wenn ein gekonnter Team-Move dem Boss ein Ende setzt.

Ein perfider wie genialer Designkniff: Unsere Spielfiguren können nicht aneinander vorbeilaufen, ist ja schließlich 2D. Da kann es schonmal eng werden auf so einer wackeligen Plattform über dem Loch im Boden, die sich noch dazu auch noch unaufhörlich dreht, während uns Feuerbälle um die Ohren fliegen. Da kann so ein Rempler zur falschen Zeit eben auch einen Absturz der Figur neben uns bedeuten. Ups. Doch Nintendo hat natürlich ein Herz für Casual Gamer und Menschen, die nicht so gut spielen wie wir selbst (ja, ich meine euch, Stefan und Christoph!) und lässt uns nach einem verlorenen Bildschirmleben sanft von der Seite in einer unschuldigen „Bubble-Bobble„-Blase, wie Baby Mario in „Yoshi’s Island“ einschweben. Hieraus können uns die Überlebenden befreien, indem sie die Blase berühren und zum Platzen bringen. In den Zustand des Schwebens können wir uns auch freiwillig durch den Druck der A-Taste begeben. Diesen „Notanker“ brauchen wir aber natürlich nicht nur um uns noch ein weiteres, gekühltes Malzgetränk aus dem Kühlschrank zu holen, sondern auch, falls wir doch mal von der Plattform rutschen. Nur einer von uns sollte die Stellung halten. Schweben alle Spieler in Blasen, fangen wir von vorne bzw. in der Mitte des Levels an, falls wir den Checkpoint schon erreicht haben sollten. Das macht das Spielen zu mehreren zwar auf den ersten Blick einfacher, das Gerempel und Gedrängel jedoch gleicht diesen Vorteil schnell wieder aus.

Acht Welten liegen vor uns. Wie in Mario World laufen wir auf einer Übersichtskarte von Punkt zu Punkt und können jederzeit auch wieder einen bereits geschafften Level besuchen. Sei es, um an einfachen Stellen Extra-Leben aufzutanken oder die versteckten drei Münzen zu finden, die uns im ersten Durchgang vielleicht entgangen sind. Für die gesammelten Münzen können wir „Filme“ freischalten, die uns die typischen „Secrets“ der Mario-Level verraten oder auch einfach zeigen, wie man einen Level perfekt meistert. Für Speedruns und besonders gelungende Teamaktionen muss man sich die Movies nicht unbedingt anschauen, sie sind aber zum Großteil sehr unterhaltsam und aufschlußreich.

In Pilzhäusern erspielen wir uns in kleinen Minigames Zusatzitems, die wir vorm Betreten eines Levels aktivieren können. Neben den bekannten und erprobten Fähigkeiten haben es ein paar Neuerungen in Marios Arsenal geschafft. Ein Propeller-Hut, der uns wie Karlsson vom Dach aussehen und fliegen lässt und ein Pinguin-Anzug, der uns selbstredend in der obligatorischen Eiswelt auf den rutschigen Flächen sicheren Stand bietet. Ein alter Bekannter ist auch wieder zurück: Yoshi! Da wir die acht Welten nicht an einem Abend schaffen, speichert das Spiel nach gewissen Levels und wir können jederzeit Spieler hinzufügen oder herausnehmen. Hier merkt man auch, WIE gut das Level-Design wirklich ist. Die Level verändern sich nicht, egal ob ihr alleine oder zu viert spielt und dennoch spielt es sich immer gleich gut und ausgewogen. Dieses Balancing sauber und nahtlos hinzukriegen gebührt Respekt.

Wie bereits erwähnt, setzt sich Nintendo ja für die Rechte der Gelegenheitsspieler ein. Sehr zum Leidwesen der „alten Fans“, die sich seit der Einführung der Wii über zu massenkompatiblen Einheitsbrei der Erscheinungen beschweren. Daher sorgte ein weiteres Feature bereits im Vorfeld für viel Diskussionsstoff. Das neue Super Mario spielt sich sprichwörtlich von selbst. Schaffen wir einen Level partout nicht und verlieren 8 Leben beim Versuch dabei, fragt uns das Spiel, ob es uns helfen darf. Bejahen wir dies, zeigt uns Luigi, wie wir die Stelle schaffen. Wir können jederzeit die Steuerung übernehmen, aber auch gemütlich zusehen, wie die Wii das Spiel für uns spielt und den Level erledigt. Demütigend für Hardcorespieler? Ja, sicherlich. Eine gute Möglichkeit, Anfänger nicht zu vergraulen und die Motivation zu halten? Auf jeden Fall.

So klassisch und retro das Spieldesign auch daherkommt, hat Nintendo dennoch nicht widerstehen können, bewegungsintensive Steuerelemente einzubinden. Zum Glück halten diese sich aber dezent zurück und sind an manchen Stellen sogar gut ins Level-Design integriert. Beim Propeller-Hut schütteln wir zum Abheben einmal kurz die Wii. Besser integriert sind Plattformen, deren Neigungswinkel wir nach dem Betreten durch Kippen der Wiimote steuern. Daraus ergeben sich ein paar der schönsten Slapstick-Momente des Spieles.

Grafisch orientiert sich das Spiel am direkten Vorgänger „New Super Mario Bros“ auf dem DS, 3D Look in 2D Welt. Ausreichend, aber kein Stil, der so einprägsam wie „Paper Mario“ oder der Pastell-Look von „Yoshi Island“ wäre. Musikalisch bietet uns das Spiel die gewohnten Ohrwürmer, die sich zwar unauffällig, dafür aber hartnäckig in unsere Ohrgänge bohren, so dass wir uns auch noch in Monaten garantiert dabei ertappen werden, wie wir die Melodie summen. Besonders bemerkenswert ist dagegen die Choreographie der „Gegner“: Die Schildkröten halten schon mal kurz inne, um passend zur Melodie eine Pirouette zu drehen und wer genau hinsieht und -hört, erkennt auch im Takt springende Goombas. Das ist Liebe zum Detail!

Einziger Kritikpunkt: Multiplayer ist nicht online möglich. Es ist natürlich leicht, Nintendo jetzt vorzuwerfen, das Internet und den Trend zu Online-Matches verschlafen zu haben. Es ist allerdings noch schwieriger, abzuschätzen, ob dieses Mario online überhaupt funktioniert hätte. Schließlich hat Nintendo ja z.B. bei Mario Kart gezeigt, dass sie zumindest technisch auch einen Online-Modus integrieren können (Auch wenn dieser nicht sehr komfortabel ausgefallen ist). Hier liegt also der Verdacht nahe, dass es Absicht ist, nur einen Offline-Modus anzubieten. Hier kann man nur spekulieren und die Entscheidung bedauern. Leider ist es nun mal deutlich schwieriger, vier Freunde an einem Abend in der gleichen Stadt aufzutreiben, als online die Freundesliste durchzusehen. Schade.

Nintendo ist der Spagat endgültig gelungen: „New Super Mario Bros Wii“ ist das Spiel, welches sowohl die für Nintendo wichtige Zielgruppe der Gelegenheitsspieler wie auch die treue „Hardcore“-Fangemeinde befriedigt. Die Levels sind stellenweise RICHTIG schwer, aber nie unfair. Starke Spieler haben eine Herausforderung, schwache können sich helfen lassen, um nicht frustriert aufgeben zu müssen. Im Multiplayer können auch Spieler jeder Spielstärke gemeinsam Erfolge feiern: Das Ergebnis ist stets harmonisch und ausgeglichen. Ein Meisterwerk und mein persönliches Multiplayerspiel des Jahres! Nie war es unterhaltsamer, in Abgründe zu fallen!

Kommentare zu: "Liebesbrief an Miyamoto" (11)

  1. Thomas schrieb:

    „Warum zur Hölle war das nicht eigentlich nicht schon immer so?“

    Äh… Minus mal minus ist plus? :-)

  2. Geb dir vollkommen Recht, wir sind jetzt beim Endgegner angelangt und hatten selten so ein Fun mit einem Spiel, Hut ab!!!

    • @spanksen: Endgegner schon geschafft? Die neunte Welt ist dann mal endgültig der Beweis, dass Nintendo die Hardcore-Gamer nicht vergessen hat.

      • Wie , gehts noch weiter? Wir sind jetzt da wo der Riesen Bowser hinter dir her ist und Feuer spuckt um den weg freizumachen, geht es danach noch weiter??

      • kann ich jetzt so ohne Spoiler nicht beantworten. Schicke Dir ’ne Mail.

  3. Wie passend, grad noch ein Interview mit Miyamoto gefunden. Schöne Antworten dabei wie: „Auf dem Heimweg vom Büro sah ich ein Rohr“ – http://de.wii.com/wii/de_DE/software/iwata_fragt_new_super_mario_bros_wii_2496.html

  4. Manu ich zieh den Hut vor Dir!
    Sau geil geschriebene Kritik die den Nagel auf den Kopf trifft.
    … bis auf diesen einen Teil in der Klammer mit den zwei Namen! :P

  5. Hey Manu,
    gestern hab ich mir das rote Juwel selbst zugelegt!
    Bislang noch keine Zeit gehabt reinzuschauen
    Freu mich aber auf später, Steffi ist ja auch großer Mario Fan
    und nach dem ganzen Next Gen Geschnetzel vielleicht seit Little Big Planet mal wieder was zum gemeinsam zocken.
    Freu mich, dass du deinen Blog machst, Du brauchst einen gescheiten Header, setz mich gleich dran :)
    Grüße,
    MEXER

  6. […] aber ich muss schon wieder einen Liebesbrief an Shigeru […]

  7. […] abzuholen, wird natürlich mit dem Zugpferd der neuen Konsole konsequent weitergeführt. Der aus New Super Mario Bros Wii und Donkey Kong Country Returns bekannte ”Ist dir die Stelle zu schwer? Möchtest du […]

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